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Der ungewöhnliche Selfie-Hass

Der Shitstorm gegen Selfies hält an. Dank komischer Teleskophalterungen haben deutsche Journalisten einmal mehr einen Grund zu schimpfen. Da erscheinen seitenlange Analysen über Selbsttäuschung und Fremdbestimmung durch die Selbstportraits in sozialen Medien. TV-Moderatoren sprechen das Unwort Selfie mit einer größeren Abscheu aus, als Lügenpresse. Und sogar im Radio wird das Phänomen kritisch beäugt.

 

Natürlich nerven auch mich die Touristen mit ihren Teleskophalterungen. Besonders weil das dann genau die Kollegen sind, die immer nach „authentischen Locations“ in alternativen Reiseblogs suchen und unbedingt diese Locals kennen lernen wollen – dann aber zu feige sind einen wegen eines Fotos anzusprechen. Doch das begründet noch lange nicht den Hass gegen Selfies.
Während meiner Reisen mache ich immer wieder Fotos von mir, bzw. wenn meine Freundin dabei ist von uns. Dann spreche ich natürlich zuerst andere an, aber manchmal nervt mich das auch zu sehr und ich mache auch Gebrauch von der Frontkamera. Das hat zwei Gründe:

1. Es ist eine schöne Erinnerung, wenn ich wie momentan im grauen Deutschland sitze und von akutem Fernweh gepackt werde. In solchen Momenten erinnere ich mich dann gerne an vergangene Reisen oder auch Ausflüge.

2. Und dafür werden ihr mich jetzt hassen. Um sie mit meinen Freunden zu teilen. Facebook/Twitter/Instagram sind heute eine einfache Alternative zur Postkarte um vielen Freunden gleichzeitig zu sagen – hey mir geht’s gut. Und natürlich freue auch ich mich wenn jemand ein Bild an einem indonesischen Traumstrand postet. Denn dann weiß ich, dass es meinen Facebook-Kontakt, der im Idealfall ja ein Freund / eine Freundin sein sollte, gut geht.

 

Es ist schade, dass bei diesem Thema so viel Hass von Feuilleton-Schreibern zu Tage kommt. Einfach weil sie die Fachbegriffe ihres Zweitstudiums in Psychologie einmal auspacken wollen, oder weil sie zu alt für diesen Trend sind und gerne alles Neue verteufeln. Das ist schade, denn in der Literatur, die oft von den selben Journalisten bewertet wird, loben sie immer mutige neue Ideen und Ansichten.

Weil dieses Thema ja vor allem Reisende betrifft, habe ich eine Reisebloggerin nach ihrer Meinung gefragt. Anika Landsteiner habe ich über die IronBlogger München kennen gelernt und schätze ihren Blog AniDenkt sehr. Sie ist auch als Autorin und Verfasserin des MucBook aktiv:

Über Selfies sprechen alle, manchmal vielleicht sogar diejenigen am meisten, die noch kein einziges von sich gemacht haben. Weil sie eine klare Meinung dazu haben und diese ziemlich vernichtend ist – narzisstisch und nervend.

Ich muss ehrlich sagen, dass meine Meinung darüber schwammig ist. Als ich in China war und beobachten musste, wie chinesische Touristen mehr Zeit damit verbringen, sich für ihr Selfie herzurichten, als kulturelle Schätze zu betrachten, hatte ich die Schnauze voll von dieser Bewegung. Andererseits muss man alles, was im Zuge der Digitalisierung und den Möglichkeiten neuer Medien und deren Verbreitung daher kommt, erstmal beobachten und überlegen, wie es dazu kommt und ob es – in diesem speziellen Fall – wirklich nur um Selbstdarstellung geht. Ich schieße beispielsweise ab und an ein Selfie, wenn ich alleine reise und einfach eine kleine Erinnerung für mich haben möchte.
Als Fan von hochwertiger Fotografie landet das Bild dann allerdings sehr selten online – und schon gar nicht auf meinem Blog.

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