Zum Inhalt springen

Pro Studiengebühren

 Um sich eine Meinung bilden zu können, braucht man immer verschiedene Sichten. In der „Zeit“ gibt es immer wieder Pro- und Contra-Texte über verschiedene gesellschaftliche und politische Themen. So etwas gibt es jetzt auch auf Josty knows best. Jeweils ein Text von Martin Hillebrand und einer von mir. Hier folgt der von Martin. Meine Gegenrede findet ihr hier.

Meinungen gibt es genug; was zählt, ist messbare Evidenz.
Diese wahren Worte stammen nicht von mir, sondern von John Hattie, einem neuseeländischen Bildungsforscher, von dem man in nächster Zeit wohl sehr viel hören wird.

Mit diesen zwei Sätzen bringt er das Problem, an dem die deutsche Bildungspolitik leidet, auf den Punkt:  Statt bildungspolitische Debatten mit der gebotenen Sachlichkeit auszutragen, wird hierzulande die Begründung mit der Absicht verwechselt. Das subjektiv-intentionale Moralempfinden über Gut und Böse ersetzt das objektive Argument.

Welche Auswüchse diese Diskussionskultur hat, wird auf einem Blick klar, wenn man die momentane Debatte über die Studiengebühren in Bayern verfolgt.
Ja es gibt Gründe gegen die aktuelle Form von Studiengebühren in Bayern.  Aber die Argumente dafür überwiegen in Qualität und Quantität. Philipp hat erstere bereits dargelegt – Ich will die meiner Ansicht nach stärksten drei Argumente für die Beibehaltung der Studiengebühren in Bayern in der jetzigen Form nun darlegen.

Erstens:  Studiengebühren sind eine Investition

Oft wird vergessen: Eine Person mit abgeschlossenem Hochschulstudium verdient im Schnitt deutlich mehr als jemand ohne. Die Frage, die sich hierbei stellt ist nicht nur, wie viel ist der Gesellschaft ein Studium wert ist, sondern auch: Wie viel ist dem Einzelnen sein Studium wert? Denn fest steht: Es profitiert nicht nur die Gesellschaft von einer guten Ausbildung. Sondern zunächst der Einzelne. Deshalb ist es absolut legitim, für diesen Vorteil einen Beitrag zu verlangen.
Denn wenn ein Studium umsonst im ersten Sinne ist, ist es dann nicht auch öfter umsonst im zweiten Sinne?

Zweitens: Studiengebühren verbessern die Studienbedingungen

Dieser Punkt wird selbst von Gegnern kaum bestritten. Die Zahlen sprechen für sich: Eine Million zusätzliche Tutoriumsstunden, 1850 zusätzliche Vollzeitstellen, Zuschüsse für Exkursionen (vor allem für sozial Schwache), Gastprofessoren,  bessere materielle, vor allem technische Ausstattung, sowie mein Liebling: besser ausgestattete Bibliotheken und längere Öffnungszeiten,  z.B. auch sonntags.
Entscheidend dabei ist, dass die Studenten ein gehöriges Wort mitzureden haben. Über die Ausgaben herrscht höchste Transparenz und so wird Verschwendung viel besser erkannt, als wenn es über den Steuersäckel indirekt finanziert würde.

Studiengebühren dürfen nur für die Verbesserung der Lehre verwendet werden. Und das ist der entscheidende Punkt: Würden die Studiengebühren durch Mittel aus dem gemeinem Steuertopf ersetzt (was je nach aktueller Regierungssituation und politischer Prioritätensetzung schnell wieder gestrichen werden kann und deshalb Studiengebühren ein politikunabhängiger Garant für bessere Lehre sind), könnte es vielerorts dazu kommen, dass statt einer Erhöhung der Qualität eine erhöhte Quantität eintritt. Das hieße: Mehr Studenten in einzelnen Studiengängen statt bessere Studiumsqualität für den Einzelnen.

Drittens und Letztens: Studiengebühren sind kein selektives Moment

Dieses Argument ist das wichtigste. Es bezieht sich vor allem auch auf die Überschrift meines Beitrags: Meinungen gibt es genug; was zählt, ist messbare Evidenz. Gebetsmühlenartig wird von Gegnern der Studiengebühren wiederholt, die sogenannte Campusmaut wäre „unsozial“,  „sozial ungerecht“ oder im Analogschluss zum Motto des Volksbegehrens ein „NEIN zur Bildung“. Das sind klare Ansagen, die man Überprüfen kann. Dass es kein „NEIN zur Bildung“ ist, wurde in Punkt zwei bereits deutlich. Dass sie nicht die soziale Auslese fördern, wie explizit behauptet wird und wie auch das Hauptargument lautet, wird klar, wenn man sich mit Fakten beschäftigt:

Neben der moderaten Obergrenze von 500 Euro pro Semester gibt es zahlreiche soziale Ausnahmeregeln, die einen beträchtlichen Anteil der Studenten befreien.  Desweiteren gibt es sehr viele Finanzierungsmodelle, die es erlauben, die Gebühren mit Hilfe eines äußerst günstigen Kredits im Nachhinein zu bezahlen.  Die Rahmenbedingungen sind also vorhanden, dass sich jeder trotz der Gebühren ein Studium leisten kann.

Darüber hinaus senken Studiengebühren nicht – wie immer wieder behauptet – die Studierneigung, vor allem und erst recht nicht bei Arbeiterkinder. Das klingt paradox, weil es der subjektiv-intuitiven Logik widerspricht, der auch die Gegner der Studiengebühren erliegen. Die Daten sprechen eine eindeutige Sprache. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung schreibt auf seiner Website unter dem Titel „Gebühren mindern Studierneigung nicht“ u.a. folgendes:

Konkret ergaben die Untersuchungen der WZB-Forscher, dass Studienberechtigte in Bundesländern mit gebührenpflichtigem Studium höhere Ertragserwartungen für ihren weiteren Werdegang verbanden. Deshalb war dort die Studierneigung nicht geringer als in gebührenfreien Bundesländern. Dieses Phänomen zeigte sich vor allem bei Studienberechtigten aus nichtakademischen Haushalten – und damit bei jener Gruppe, für die ein deutlich negativer Effekt von Studiengebühren auf die Studierneigung und damit ein Rückgang der Studienaufnahme vermutet worden war.
Quelle:  wzb

Wer das Papier der zugrundeliegenden Studie anschauen will – bitteschön: hier)
Sogar die als sehr links geltende taz hat eingesehen, dass Fakten wichtiger sind als Meinungen – und beruft sich dabei sogar auf Karl Marx: hier und hier

Zusammenfassung:

Die Faktenlage ist glasklar. Studiengebühren sind weder überflüssig noch sozial ungerecht. Und sie sind ein ganz klares „JA zur Bildung“.
Aber warum sind dann die meisten Studenten dagegen?  Es ist zumeist reiner Egoismus, der sich nach außen moralisch-korrekt hinter fadenscheinigem Altruismus alias dem Ruf nach „sozialer Gerechtigkeit“ verbirgt. Im zweiten der oben genannten taz-Artikel bringt es Christian Füller auf den Punkt:

Das Mantra der Allgemeinen Studentenausschüsse, das in etwa „Studium für alle“ lautet, ist nichts anderes als Propagandaschwindel. Studentenvertreter betätigen sich als Lobbyisten ihrer Klasseninteressen – oder als nützliche Idioten der gehobenen Beamten- und Bürgerschichten. Asta-Fritzen kämpfen im Che-Guevara-T-Shirt für ein vermeintlich kostenloses Studium. In Wahrheit aber sind sie die Vorhut reicher Ärzte-, Anwälte- und Redakteurskinder, die Papis Kohle weiter in Skiurlaube statt in die Campus-Maut stecken wollen
Quelle: „taz

Wer Leistungen in Anspruch nimmt, und dafür bezahlen kann, der soll es auch tun! Und noch eine Anmerkung in eigener Sache: Ich bin Arbeiterkind.

7 Kommentare

  1. Josty Josty

    Leider geht Martin in dem Text davon aus, dass jeder Student eines Tages viel Geld verdienen wird – bei manchen Studiengebühren ist das aber nicht garantiert.

    Weiter werden Studiengebühren nicht immer (wenn auch häufig) für die richtigen Zwecke genutzt und außerdem sind die Gebühren bei weitem zu hoch. Wer also nach den ganzen guten Texten die Martin verlinkt hat noch einen Nerv hat:
    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studiengebuehren-volksbegehren-in-bayern-sammelt-unterschriften-a-877819.html

  2. p p

    „Denn wenn ein Studium umsonst im ersten Sinne ist, ist es dann nicht auch öfter umsonst im zweiten Sinne?“ schönes objektives und sachliches argument 😉

  3. Martin Martin

    Nein Philipp, du hast nicht genau gelesen:
    „Eine Person mit abgeschlossenem Hochschulstudium verdient *im Schnitt* deutlich mehr als jemand ohne.“
    Ich hab ganz klar von einem Durchschnittswert gesprochen.
    Desweiteren hab ich von einem persönlichen Mehrwert gesprochen, der sich nicht rein auf höheren Verdienst bezieht, sondern auch Mehrwert im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals meint.

    Zu deinem zweiten Einwand: Verschwendung wird es immer geben. Aber je näher die Betroffenen in Kontrollmechanismen involviert sind, desto geringer fällt sie aus. Man braucht sich nur das Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler anschauen.
    Ein ganz klares Argument für Studiengebühren.

    Zum Kommentar eines gewissen „p“s:
    Wenn das die einzige Stelle im argumentativen Teils des Texts ist, in der ich unsachlich geworden bin, möge man mir verzeihen. Ich wollte damit ironisch auf die Plakate einiger Demonstranten hinweisen, die darauf fordern, „Bildung muss umsonst sein“ und sich damit in gewisser Weise selbst unfreiwillig parodieren.

  4. Josty Josty

    Es bleibt trotz allem bei der Ungerechtigkeit das Bayerische Bürger dann ein kostenloses Studium in fast allen anderen Bundesländern finanziert! Bevor das nicht geändert ist braucht man über Studiengebühren gar nicht zu reden.
    Und dann hätte der Freistaat wohl auch genug Geld um die Hochschulen zu unterstützen 😉

  5. Martin Martin

    In diesem Punkt geb ich dir – mit Einschränkungen – Recht.
    Die Einschränkung: Das ist kein Argument gegen Studiengebühren per se, sondern die Tatsache, dass sie nicht überall existieren. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Doch das ändert nichts an den großen Vorzügen von Studiengebühren als solche.

    Der Länderfinanzausgleich ist nun mal leider Realität. Doch solange die Politiker in anderen Bundesländern nicht genauso solide wirtschaften wie in Bayern, wird sich daran nichts ändern. Aber das hat nicht in erster Linie mit Studiengebühren per se zu tun.

    Übrigens falls du Zeit hast (und dich überwinden kannst): In der Studie vom WZB geht’s auch um den Vergleich von Ländern mit und ohne Studiengebühren

  6. HubertD HubertD

    @Josty: ja, man kann mit der Kostenseite und Ungerechtigkeiten im föderalen Verbund argumentieren. Man könnte aber ebenso zuerst auf die Qualitätsseite schauen und sich Gedanken machen was dem eigenen Land und den eigenen Leuten Vorteile bringt. Wir könnten Fragen stellen, wieso sich Bayern eine Abiturientenquote von 41% „leistet“, während der Rest der Republik auf 49% kommt – denn blöder sind die Bayern auch nicht. Usw.

    • Josty Josty

      Hallo Hubert – schau dir am besten den Text Contra Studiengebühren an. Dort gehe ich nicht einmal auf den Länderfinanzausgleich ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen